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Interviews

Studienwerk: Vom Skript zur personalisierten Lehre

KI kann in der Prüfungsvorbereitung die individuelle Betreuung verbessern und das Niveau heterogener Gruppen sichern. Ein Beispiel aus der Steuerberatung.

Studienwerk: Vom Skript zur personalisierten Lehre

Das Studienwerk der Steuerberater bereitet in Münster, Dortmund, Köln und online auf Deutschlands wohl härteste Berufsprüfung vor.

Auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Lernfortschritte ihrer Kursteilnehmenden besser verfolgen zu können, sind Geschäftsführer Michael Puke und Studienleitung Sophie Finke auf acemate gestoßen. Heute nutzen sie dort ein größeres Spektrum an Funktionen als anfangs angedacht und überdenken angesichts der Möglichkeiten von KI ihre eigene Rolle in der Lehre.

Ein Kraftakt für alle Beteiligten

Die Steuerberaterprüfung fordert vorbereitende Akademien und Prüflinge gleichermaßen heraus. Mehrere tausend Seiten Skript müssen im Rahmen der Lehrveranstaltungen vermittelt, die relevanten Inhalte geübt werden. Dozierende müssen die Schwerpunkte auf Basis ihrer Erfahrungswerte legen, Lernende absolvieren die monatelangen Vorbereitungsphasen größtenteils neben der beruflichen Tätigkeit und müssen sich kontinuierlich motivieren und gut strukturieren. Die Möglichkeit, die Prüfung abzulegen, gibt es nur ein Mal im Jahr.

Sophie Finke

Die größte Herausforderung ist die Heterogenität. Am Ende müssen alle die gleiche Prüfung schreiben und idealerweise gleich gute Noten, egal ob jemand seit zehn Jahren Buchhaltung macht oder als Jurist von der Uni kommt.

Sophie Finke, Studienleitung der Steuerberaterlehrgänge beim Studienwerk. Sophie ist selbständige Steuerberaterin sowie Dozentin und hat vorher fünfzehn Jahre in der Finanzverwaltung gearbeitet, davon zehn als Betriebsprüferin.

Schon durch die unterschiedlichen Einstiegswege in den Beruf sind die Kursteilnehmenden sehr heterogen. Die Aufhebung des Fakultätsvorbehalts durch das Bundesfinanzministerium und die künftig unbegrenzte Wiederholbarkeit der Prüfung verstärken diese Vielfalt weiter, sowohl in den mitgebrachten Voraussetzungen als auch in den Erwartungen an die Vorbereitungskurse.

Selbstbestimmtes, flexibles Lernen

Michael Puke

Früher ist man jeden Samstag in so einen Steuerberaterkurs gefahren und hat sich acht Stunden den Stoff angehört. Mittlerweile sind die Kandidaten nicht mehr bereit, sich im Rahmen einer Prüfungsvorbereitung selbst zu geißeln. Die Prüfungsvorbereitung muss sich sehr viel mehr in meine Lebenswirklichkeit einbetten.

Michael Puke, Geschäftsführer und Steuerberater. Er verantwortet beim Studienwerk der Steuerberater die strategischen und organisatorischen Tätigkeiten.

Die größte Herausforderung der Akademien liegt heute wohl nicht im Stoff selbst, sondern in der Lücke, die sich zwischen den Ansprüchen von Lernenden und der etablierten Kurspraxis aufgetan hat. Angehende Steuerberaterinnen und Steuerberater wünschten sich neben der zeitlichen Flexibilität außerdem die Nutzung verschiedener Kanäle und kompakter Formate. Inhalte sollten auf den Punkt gebracht und Skripte nicht einfach nur vorgelesen werden. Ein mehrere hundert Seiten starkes Vorlesungsskript allein würde heute für schlechte Laune sorgen.

Die Betreuung der Kursteilnehmenden verbessern

Als sich Sophie und Michael auf die Suche nach einer geeigneten Lernplattform gemacht haben, war es vor allem ihr Ziel, ihren Teilnehmenden die Möglichkeit zu geben, den eigenen Lernfortschritt besser einzuschätzen. Gerade weil die Gruppen so unterschiedlich und die Lernperioden so lang sind, ist die Sichtbarkeit des individuellen Niveaus entscheidend. Angesichts der umfangreichen Stoffmenge fällt es vielen Lernenden schwer, die eigenen Lücken zu erkennen und systematisch anzugehen, eine tiefergehende Eins-zu-eins-Betreuung ist im Rahmen der üblichen Kurse aber nicht möglich.

Wir sind auf der Suche nach dem Thema Lernstand gestartet. Und dann auf acemate gestoßen, das viel mehr Funktionen hatte, von denen wir anfangs gar nicht wussten, dass wir sie brauchen.

Sophie Finke

Ein Tutor mit 24/7-Verfügbarkeit

acemate wird derzeit in drei Kursen des Studienwerks erprobt. Parallel zur Live-Unterrichtung werden den Lernenden die Kursmaterialien über die Plattform zur Verfügung gestellt, gelernt wird dann selbstständig und nach persönlichen Präferenzen.

Bisher war es immer sehr gefährlich, wenn Teilnehmende sich ein 150-Seiten-Skript von irgendeiner KI zusammenfassen ließen. Bei acemate weiß man, woraus die KI ihre Informationen zieht. Die Qualität solcher Zusammenfassungen ist deutlich besser.

Michael Puke

Erreicht wird diese Qualität dadurch, dass acemate Informationen immer aus den hinterlegten Originaldokumenten zieht und jede Aussage mit einer Quellenangabe belegt. Gleichzeitig behält das Studienwerk die didaktische Kontrolle und kann, wie ursprünglich angedacht, den Lernfortschritt der Kohorte über die Analysefunktionen verfolgen. Dass darüber hinaus Funktionen wie Podcasts oder KI-generierte Quizze gern genutzt werden, bestätigt laut Michael, dass gerade die jüngeren Kandidatinnen und Kandidaten kompakte, flexible Formate bevorzugen.

Es ist einfach ganz anders möglich, auf die Lernenden einzugehen. Es ist im Grunde schon ein 24/7-Tutor. Die Teilnehmenden können jederzeit ihre Fragen loswerden und sich selbst kontrollieren.

Sophie Finke

Während das Verhalten der Plattform weiterhin getestet wird, empfinden Sophie und Michael das bisherige Arbeiten mit der KI als intuitiv, die Antworttiefe des Chats als ansprechend und Halluzinationen als sehr selten.

Ausblick: Akademien für Anwendung und Emotionalität

Wenn der Einsatz von künstlicher Intelligenz das bloße Wissen jederzeit verfügbar macht, ändert sich die Rolle derjenigen, die das Wissen, aber auch die zugehörigen Kompetenzen vermitteln. Michael und Sophie glauben, dass zukünftig vor allem die Anwendung im Fokus der Kursstunden stehen wird. Durch die Kombination von Online- und Präsenzformaten lässt sich die Lernreise individualisieren, angefangen bei der Vorab-Lektüre bis hin zur fallspezifischen Anwendungsübung. Außerdem rückt die menschliche Komponente des Lernens in den Vordergrund.

Es gehört auch mehr Emotionalität dazu. Die Teilnehmenden müssen mehr verstanden und da abgeholt werden, wo sie sind. Es wird alles sehr viel individueller, und damit muss man sich auseinandersetzen.

Michael Puke

Im Kursangebot kann das Zusammenspiel der Dozierenden und der KI den entscheidenden Unterschied machen. Beim Studienwerk erhofft man sich, dass die künstliche Intelligenz als Werkzeug entlasten und zeitliche sowie räumliche Flexibilität ermöglichen wird, sodass die Lehrkräfte gezielter auf die Bedarfe ihrer Kohorten eingehen können. Eine Voraussetzung bleibt, dass die in der Regel freischaffenden Dozierenden für den Einsatz der Technik gewonnen werden. Eine mögliche Motivation kann es sein, den konkreten Nutzen für beide Seiten sichtbar zu machen.

Als Nächstes stehen Analysen zum Zwischenstand an, über neue Funktionen der Plattform wird bereits gemeinsam diskutiert. Das Ziel bleibt, die Akademie zukunftsfähig aufzustellen und die Lehrgangsteilnehmenden bestmöglich auf den Beruf vorzubereiten.